Von Ralf Siebenbürger
11.02.2009
Zirbenmöbel für das neue Jahrtausend
Sein Großvater Alois hatte den Betrieb 1928 als Wagnerei gegründet. Mit dem Siegeszug des Verbrennungsmotors auch im ländlichen Raum wurden Pferde und Kutschen jedoch überflüssig, und so stellte Günter Grassmanns Vater Adolf im Jahr 1973 den Betrieb auf eine Sesselproduktion um. Der Meister hatte nach der Tischlerlehre und der Absolvierung der Meisterschule in Pöchlarn, nach Beschäftigungen in Betrieben in Oberösterreich und Salzburg, nach unzähligen Kursen und Seminaren im Jahr 2000 den Betrieb von seinem Vater übernommen. Mittlerweile beschäftigt er 16 Mitarbeiter, je zur Hälfte Männer und Frauen. Eine davon ist Lehrling.
Sein unternehmerisches Selbstverständnis beschreibt Günter Grassmann mit den Worten: „Die Firma Grassmann ist ein attraktives und innovatives Unternehmen, das eines der besten Sesselproduzenten in Österreich ist. Die Produkte von Grassmann-Sessel zeichnen sich durch beste Qualität in der Verarbeitung, trendiges Design, lange Lebensdauer und ergonomischen Sitzkomfort aus. Durch die Produktion in Österreich, sind die Nachhaltigkeit und Wertschöpfung unserer Produkte, sowie die Lebensqualität unserer Mitarbeiter ein vorrangiges Anliegen unseres Unternehmens.“ Einen kleinen – es sind nur drei bis vier Prozent – seiner Sitzmöbel produziert Grassmann für das Designer-Team von „Stuben 21“. „Wir haben gemeinsam mit der Firma Zehetbauer schon sehr früh bei der Entwicklung mitgearbeitet und begleiten das Designer-Team schon länger“, berichtet Grassmann. „Mich reizen Projekte, bei denen man herausgefordert wird. Im speziellen Fall bestand die Herausforderung vor allem darin, das weiche Zirbenholz im Stuhlbau objekttauglich zu machen.“ Was ihm noch an der Design-Linie von „Stuben 21“ gefällt? „Toll an der Produktlinie ist das ‚rustikale‘ Zirbenholz in zeitgemäßen Formen. Wir sind bei vielen verschieden Projekten Partner, wobei wir fast immer vom Entwurf bis zum fertigen Projekt mit dabei sind.“
Das Design-Team von „Stuben 21“ besteht aus Dr. Peter Daniel und Dr. Nicole Horn. Der graduierte Jurist ist freier Schriftsteller, Objektkünstler und Designer. Zusammen mit seiner Partnerin hat er die Zirben-Möbellinie stuben21 entwickelt und betreibt mit ihr ein Studio in der Wiener Innenstadt, in dem die Möbel ans urbane Publikum gebracht werden. Über die Idee, die hinter dieser Möbellinie steht, verrät Peter Daniel: „Die Zirbe oder Arve, die ‚Königin der Alpen‘, ist ein Mythos: In den Hochlagen der Alpen wächst sie, langsam, kann bis zu 20 Meter hoch und bis zu 1000 Jahre alt werden. Ihr Holz ist mild und weich und gehört dennoch zu den dauerhaftesten heimischen Nadelholzarten. Der helle Farbton des Zirbenholzes wird unter Sonneneinstrahlung langsam dunkler und erhält so seinen unvergleichlich honigfarbenen Ton. Die Äste sind rotbraun und geben dem Zirbenmöbel sein lebendiges Aussehen. Wie kein anderes Holz sonst verströmt es einen angenehmen Duft – den unverkennbaren Zirbelgeruch – welcher jahrzehntelang anhält. Die Zirbe wirkt sich direkt auf körperliches Wohlbefinden und Kommunikationsverhalten aus. Menschen, die von Zirbenholz umgeben sind, sind geselliger, kontaktfreudiger, entspannter. Die Zirbe wurde aufgrund dieser einzigartigen Eigenschaften zum geradezu klassischen Holz für Stubenmöbel, die Stube – nicht zuletzt durch die Zirbe – zu einer der bedeutendsten Raumschöpfungen in der Geschichte der mitteleuropäischen Wohnkultur.
Mit stuben21 wollten wir eine neue Möbellinie für den Markt entwickeln: reduziert in der Formensprache, funktionell wie zeitlos, vor allem aber behaglich. So haben wir versucht, die Essenz der alten und ursprünglich auch schlichten österreichischen Zirbenstube mit dem Anforderungsprofil des Heute zu verknüpfen. Wir wollten den Spagat schaffen zwischen Behaglichkeit, Reduktion und Funktion. Es entstanden Möbel-Objekte, die ein ästhetisches, haptisches wie olfaktorisches Erlebnis sind. Das Raum- und Gestaltungskonzept entwickelten wir dann rund um das Möbel.“
Und dieses Gestaltungskonzept ist, so die Designer, nicht an den ländlichen Raum gebunden: „Wir meinen, dass die Zirbenstube auch im urbanen Umfeld ihre Verankerung finden sollte. Wir meinen weiters, dass in Zeiten sozialer Entfremdung das Schaffen von ‚Orten der Kommunikation‘ immer dringlicher wird und die Zirbenstube – von alters her – eben der Ort der Begegnung schlechthin ist. Ernst Bloch schrieb am Ende seines dreibändigen Werkes ‚Prinzip Hoffnung‘ sinngemäß, dass Heimat dasjenige wäre, was allen in die Kindheit scheint und worin noch nie jemand war. Nicht Herkünftiges wäre unter Heimat zu verstehen sondern Zukünftiges, vielmehr ginge es also um ein ‚Erzeugen von Heimat‘. Solches Erzeugen von Heimat will mit stuben21 versucht sein: Ein Stückchen Heimat also für uns Stadtnomaden!“ Wie diese Heimat aussehen soll? „Stuben21 ist eine lebendige Möbelphilosophie zwischen Funktionalität und Behaglichkeit. Die Ausgewogenheit der entwickelten Formen, die Holzarten Zirbe und Ahorn, Niro-Elemente, erlesene Stoffe oder Leder sind Garant für eine spür- und sichtbare Gebrauchsqualität, die Bestand hat: Gelebte Tradition im Wechselspiel des Lebens. Das Raum- und Gestaltungskonzept haben wir rund um das Möbel entwickelt: architecture follows furniture-design.“ Eines der spektakulärsten Projekte, das im Design von „Stuben21“ mit Sitzmöbeln aus dem Hause Grassmann in jüngster Zeit verwirklicht wurde, ist das Lokal „Martinjak“ am Wiener Opernring 11. „Es ging dort darum, berichtet Daniel, Stuben-Komplexe in drei Ebenen auf rund 1200 Quadratmetern unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichem Ambiente, aber mit einer großen gemeinsamen Determinante, nämlich der Zirbe, zu schaffen. Jeder Raumbereich sollte letztlich vergleichbar sein mit einem ‚guten Wohnraum‘. Anleihen aus dem Wiener Wirtshaus, dem Kaffeehaus, der Bar, dem französischen Bistro, dem angelsächsischen Pub, dem gediegenen Landgasthof, der alpinen Wohnstube – architektonisch wie gestalterisch neu interpretiert. Lokalinhaberin Barbara Premrov-Schimanko ist mit dem Resultat zufrieden: „Mit der Implementierung des Interior-Design-Konzeptes ‚stuben21‘ ist ein moderner, authentisch-österreichischer Lebensraum entstanden, in dem Wohlfühlen leicht fällt – eine Mischung aus urban und alpin, die es in dieser Form bisher noch nicht gibt.“ Aber nicht nur als Lieferant für „Stuben21“ hat Grassmann es die Zirbe angetan. „Ich bin ein Fan von Zirbenholz und habe bei mir im Haus ebenfalls Zirbe in moderner Form verarbeitet“, bekennt der Meister. „Die warmen weichen Farbtöne des Zirbenholzes sind für Wohnräume und Wohnkomfort Ideale Begleiter.“ Geradezu zum Kronzeugen für die angenehme Wirkung des Zirbenholzes in der Wohnumgebung wird Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser vom Institut für Nichtinvasive Diagnostik am Joanneum Research im steirischen Weiz. Er hat die Eigenschaften des Zirbenholzes und seine Auswirkung auf das Wohlbefinden des Menschen einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. „Beim Test im Labor zeigten sich signifikante Unterschiede in der Erholungsqualität zwischen einem Zirbenholzzimmer und einem identisch gestalteten Holzdekorzimmer“, berichtet Professor Moser über die Ergebnisse seiner Studien. „Zirbenholz bewirkt eine niedrigere Herzrate bei körperlichen und mentalen Belastungen. In den anschließenden Ruhephasen wird der vegetative Erholungsprozess beschleunigt. Wetterfühligkeit der Herzfrequenz tritt im Zirbenzimmer nicht auf. Nachgewiesen ist auch die bessere Schlafqualität im Zirbenholzbett. Die durchschnittliche Arbeitsersparnis für das Herz liegt bei 3.500 Schlägen oder einer Stunde Herzarbeit pro Tag. Diese physiologischen Ergebnisse stimmten mit der subjektiven Einschätzung der Versuchspersonen überein, welche über einen erholsameren Schlaf, ein besseres Allgemeinbefinden und vor allem eine höheren ‚soziale Extravertiertheit‘ berichteten. Das ist vielleicht ein Grund, warum Gaststuben früher mit Zirbenholz verkleidet waren.“
Abgesehen vom persönlichen Wohlbefinden in der mit Zirbenholz eingerichteten Wohnumgebung hat die Kooperation mit den Zirben-Designern für Günter Grassmann natürlich auch geschäftliche Vorteile gebracht. Den Weg der Kooperation empfiehlt er auch den Berufskollegen: „Ich denke, dass Kooperationen für das Tischlerhandwerk sehr wichtig sind. Kooperationen sind nicht das Heilmittel für alle Probleme und Herausforderungen, die Tischler in Ihrem vielseitigen Aufgabenbereich haben. Es können aber für gut funktionierende Kooperationen sehr viele Synergien entstehen, sich neue Entwicklungen und Möglichkeiten anbahnen, die man sonst nicht bewältigen oder erfüllen könnte.“ Und neue Entwicklungen und Möglichkeiten wird die Branche angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage bitter nötig haben. „Die nächsten beiden Jahre werden für das Tischlerhandwerk eine große Herausforderung“, ist Grassmann überzeugt. „Ich hoffe, dass der Privatkonsum wie auch der öffentliche Bereich nicht zu stark einbrechen, damit unsere Tischler, Planer, Einrichter und Architekte auch weiterhin erfolgreich gestalten, produzieren und arbeiten können. Gerade in schwierigen Zeiten ist es sehr wichtig, mit Netzwerken, Kooperationen und verlässlichen Partnern zu arbeiten, damit das Unwort Krise nicht tatsächlich zu einer großen Gefahr für die Unternehmer wird.“
www.stuben21.com





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