01.06.2010
Zurück zur Natur
![]() Schrankprogramm Scene: Luftiges Schranksystem aus rechteckigen Elementen in Holz oder lackiertem Metall. Hersteller: Arco Contemporary Furniture, Design: Dick Spierenburg. www.arco.nl |
Die 49. Internationale Mailänder Möbelmesse verweist neben der klassischen Präsentation in den Messehallen auf ein stets aufs Neue erfolgreiches Rezept einer überbordenden Anzahl von Veranstaltungen an unterschiedlichsten Schauplätzen in der ganzen Stadt, die heuer als die „Città dei Saloni“ über die Bühne gingen. Schwerpunktthemen des heurigen Mailänder Möbelfrühlings waren vor allem Nachhaltigkeit, Ökologie, Recycling. Es dominierten Naturtöne von Milchweiß über Beige bis Moccabraun – und das Material Holz, meist geölt oder gewachst.
Mailand gilt nach wie vor als die unumstrittene Hauptstadt des Designs; auch laut seinen Protagonisten, wie etwa dem italienischen Designer Carlo Colombo (der für den heurigen Salone gleich 200 Stücke kreierte). „Der Salone ist die einzige Veranstaltung weltweit, die wirklich zählt. Mittlerweile konzentrieren sich alle in der Branche nur mehr auf Mailand.“ Die Bedeutung von Köln, Paris oder Belgien sieht er als verflogen. Der Grund hierfür liegt für Colombo im Produktionsablauf: „Die besten Designunternehmen stammen schließlich aus Italien.
“ Der italienische Architekt und Designer Antonio Citterio geht hier weiter: „Wenn man beginnt, die Produktion abzusiedeln, werden auch die Designer Italien verlassen. Hier gibt es eine erstklassige Möbelindustrie, wenn diese abwandert, werden die nächsten Möbelmessen in Shanghai oder Mumbai stattfinden.“ Und auch für die Zukunft des Designs hat Citterio eine eigene Vision parat: „Ein Bruch zwischen industriell und handwerklica gefertigtem Produkt hat bereits stattgefunden. In Zukunft wird der industrielle Vertrieb vermehrt an Bedeutung gewinnen, ebenso wird sich die handwerkliche Produktion weiter bestätigen; sie wird, um sich durchzusetzen, von außerordentlicher Qualität sein müssen und Nischenprodukte ebenso beinhalten wie Maßarbeit.
“ Das Design ist in einer Art permanenter Revolution, deren Höhepunkt aber nicht in der Formenvielfalt liegt (und diese scheint wirklich unendlich), sondern vor allem in der experimentellen Verwendung neuer Materialien wie flüssigem Holz (Wood-Plastic-Composites) oder etwa dem wandelbaren Mineralwerkstoff Corian, dem nun Anteile aus recycelten Materialien sowie Inhaltsstoffe auf biologischer Basis beigefügt wurden. Überhaupt drehte sich dieses Jahr alles irgendwie um Umweltverträglichkeit, Recyclingfähigkeit und Ökologie.
Dies beweist nicht nur die weit verbreitete Verwendung natürlicher Materialien, wie etwa Hölzer aller Art, sondern auch die Abkehr von der ewigen Jagd nach dem unbedingt Neuen und die Neuauflage sowie Neuinterpretation alter Bekannter, etwa von Charles Eames Lounge Chair von Vitra, dessen Sitzhöhe der seit seinem Entstehungsdatum (1956) wachsenden Körpergröße entsprechend etwas angehoben wurde. Manche Möbel kann man selbst zusammenbauen – und notfalls, platzsparend in ihre Einzelteile zerlegt, ebenso mühelos übersiedeln. „Less is more, less is green“ (weniger ist mehr, weniger ist grün), lautet die Philosophie der Einfachheit auch vieler Polstermöbel, so wie jene, des federleichten Sofas Aire von Cassina.
Durch die Trennung aller Komponenten soll es zu 80 (!) Prozent recycelbar sein. Die Krise des vergangenen Jahres scheint der Möbelindustrie also alles in allem wie eine Art Reinigungsprozess gutgetan zu haben. So schlägt auch die Entwurfsphilosophie der vielbeschäftigten spanischen Topdesignerin Patricia Urquiola in die Kerbe Ressourceneinsparung: „Energie darf nicht verschwendet werden, weder bei der Umsetzung noch beim Vertrieb. Gute Qualität tut Not, um die dominierende Wegwerfkultur abzulösen.
Die herrschende Krise der Branche schärft den Verstand: Es gibt weniger finanzielle Mittel, man ist aufmerksamer, ist sparsam im Umgang mit den Ressourcen, schenkt dem Material mehr Interesse, ebenso wie dem Herstellungsprozess – und schließlich dem Endergebnis selbst.“





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