17.04.2010
Die ganze Welt des Wohnens
Unter insgesamt 500 Ausstellern präsentierten sich zahlreiche österreichische Tischlereien, die neben teils aufwendig inszenierter Präsentation ihrer handwerklichen Arbeit vor allem die individuelle Beratung und maßgeschneiderte auf die ganz persönlichen Bedürfnisse des Kunden abgestimmte Inneneinrichtung hervorhoben – und den zu verzeichnenden Trend in Richtung ausgeklügeltes und anspruchsvolles zeitgenössisches Design. Neben klaren Linien und der weitgehenden Dominanz der Nichtfarbe Weiß scheinen selbst ausgefallenen Materialanwendungen keine Grenzen gesetzt.
Massivholz im Vormarsch
Hans Ostermann von Ostermann² sieht auf der Messe den Konkurrenzdruck als eine gewisse Herausforderung. Den Hauptakzent legt das niederösterreichische Unternehmen heuer auf Massivholz, das wieder stark im Kommen ist, und hier führt Eiche neben Nuss die Beliebtheitsskala an.
„Wir legen unser Augenmerk auf einen gewissen Minimalismus. Da sich dieser meist als sehr kühl herausstellt, versuchen wir diesen mit Licht und diversen Profilen oder Schattenfugen in einer gewissen Harmonie umzusetzen“, fasst Bernd Radaschitz der steirischen Radaschitz Einrichtungswerkstätte das Firmenkonzept zusammen. „Wir kombinieren stets nur zwei Farben, Hell und Dunkel. Matt lackierte Oberflächen, die langlebiger sind, verwenden wir für Möbel mit längerer Lebensdauer wie Küchen. Allgemein geht der Trend in Richtung zarte Linien und dünne Oberflächen. Im Wohnbereich findet sich geöltes Holz in Kombination mit hochglanzlackierten Flächen auch in kräftigen Farben.“
Dass österreichische Tischler neben stabiler Handwerksqualität auch immer mehr designlastigere, formal gute Lösungen bieten, sollte auch im Ausland mehr publik werden, wünscht sich Radaschitz, der das Londoner Büro des Unternehmens leitet und dort erfolgreich mit Architekten und Innenarchitekten arbeitet. Mit heimischen, nachhaltig produzierten Massivhölzern entwirft und arbeitet Anton Farthofer. Die Inspiration dazu holt er sich schon lange nicht mehr am internationalen Messeparkett: „Wenn man sich mit diesem Material beschäftigt, braucht man nur mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.“
Nicht allein um eine puristische zeitgenössische Formensprache, sondern um Funktionalität geht es Ingo Mild, der nach einer Architektenausbildung den elterlichen Traditionsbetrieb leitet. „Uns liegt der planerische Aspekt sehr am Herzen, dieser bildet mittlerweile einen unserer Leistungsschwerpunkte.“
Gefragte heimische Hölzer
Kraftvolle Maserungen von Ast- oder Wildeiche sieht Beatrix Koch der Tischlerei Edelmann aus Ybbs ebenso im Kommen wie Kernbuche, Olive oder Zwetschke. Großteils heimische Hölzer verarbeitet man vom Stil her eher geradlinig und der Nachhaltigkeit sowie der Verwendung natürlicher Öle kommt hierbei große Bedeutung zu.
Mit der Hochglanzküche der Tischlereiwerkstätte Ulrich hat man sich dem Trend angepasst, mittels brandneuer Beschlagtechnik schließt der Oberschrank mühelos auf Knopfdruck. Vor allem aber möchte man, so Evelyn Ulrich, „mit ehrlichem Handwerk und guter Beratung beim persönlichen Gespräch punkten.“

Kontrastreich-modern gestaltete Küche von Victoria Almer.
Die zeitgenössische, designorientierte Linie von Viktoria Almer ist neben dem elterlichen Landhausstil eine bereits erfolgreiche parallel laufende Schiene im Familienunternehmen. Almer wählt lebhafte Eiche mit Ästen und Rissen und optisch zart dimensionierte Oberflächen wie die ausgefallene Granitarbeitsfläche in leicht unebener und wärmerer „leathertouch“-Optik. Ihr besonderes Messehighlight: die ausgeklügelte Konstruktion, die eine ausziehbare Esstischplatte aus Holz für etwa sieben Gedecke durch „Aufrollen“ im Inneren eines Küchenmöbels verschwinden lässt.
Die in Wien beheimatete M&G Interiors, Mayr & Glatzl OEG „spricht vor allem“, so Joachim Mayr, „kunstsinnige und kreative Menschen an, die mit Design und Funktion Spannendes schaffen wollen“. In Kombination zu lackierten Oberflächen stellt man Massivholzmöbel mit Gebrauchsspuren aus Deckenbalken alter dalmatinischer Almhütten her, die zu Tischen, Bänken oder Betten verarbeitet werden.
Die Rückkehr weicher Rundungen ist ein bewusster Schritt in Richtung „Apple-Design und -Philosophie“. Die weißen Korpusmöbel sind aus MDF, denn trotz Erfahrung gelang es nicht, gefräste Rundungen im dänisch-skandinavischen Sinn zu biegen.
„Tischler bieten an sich zu viel Dienstleistung um zu wenig Geld an. M&G konzentriert sich nur auf Dienstleistung, die Tischlerei Mayr baut die Möbel. In der Kundenwahrnehmung gibt es dann nur M&G. Wir treiben das auf die Spitze und definieren uns als Innenarchitekturbüro. Architekten denken meist von außen nach innen, der Mensch lebt aber von innen nach außen. Da gibt es eine Diskrepanz, diese Lücke versuchen wir zu schließen.“
(Redaktion: Christine Müller, Tischlerjournal)




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